Vernetzung   Integrationsdrehscheibe Kärnten  "Wir sind noch in den Kinderschuhen!"

Elisabeth Lasnig (bfi) über die Entwicklung der Integrationsdrehscheibe Kärnten/Koroška, über Migrantinnen als „Zielgruppe“ und das richtige Rezept zur funktionierenden Integration. 

(Weitere Interviews dazu finden Sie hier)

Wie ist es zu dem Netzwerk Integrationsdrehscheibe gekommen?

Elisabeth Lasnig: Im Rahmen des Projektes AP.I.A. hat sich die Idee entwickelt, den Integrationsbereich auszubauen. Und da wir wußten, dass das Berufsförderungsinstitut (bfi) nicht „der“ Experte im Integrationssektor ist, dass wir also die Expertise anderer Vereine brauchen und mit diesen etwas machen wollen, gab es unterschiedliche Workshops, wo verschiedene Einrichtungen, aus dem Integrations- aber auch aus dem öffentlichen Bereich eingeladen wurden. Beim ersten Workshop sind 55 Institutionen unserer Einladung gefolgt, von denen wir dachten, die müssten passen, die beschäftigen sich mit der Thematik, die sind im Kontakt mit der Zielgruppe - darunter auch Einrichtungen wie die Kärntner Gebietskrankenkasse (KGKK) oder das Arbeitsmarktservice (AMS). Dann, beim zweiten Workshop, hat sich heraus kristallisiert, wer tatsächlich Interesse hat mitzumachen. Es war am Anfang natürlich Skepsis vorhanden, da das bfi eine große Einrichtung ist – „Was wollen die jetzt von uns?“ Aber da es von Anfang an klar war, dass es nicht unser Anliegen ist, irgendjemandem Expertisen oder Ideen zu klauen, hat sich aus dieser Zusammenarbeit die Integrationsdrehscheibe Kärnten/Koroška entwickelt.

Dabei geht es doch auch um Ressourcen, die einzelnen Einrichtungen haben vermutlich ein enges Zeit- und Finanzbudget. Daraus vielleicht auch die Skepsis resultierend: Wie soll das funktionieren?

Lasnig: Erstens: Wie soll das funktionieren? Unser Interesse war es aber auch, den NGO’s die Möglichkeit zu bieten, einmal ein größeres Projekt einzureichen, und dafür möglicherweise auch EU-Fördermittel zu lukrieren. Da das bfi eine lange Vorfinanzierungsphase garantieren kann, muss die wertvolle Arbeit der Vereine nicht „nur“ auf ehrenamtlicher Basis passieren.

Geht es dabei auch darum, der Öffentlichkeit zu signalisieren: Ehrenamt und ehrenamtliche Arbeit sind auch Arbeit...

Lasnig: ...und gehören entlohnt!

Warum ist es in ihren Augen notwendig, dass sich die Integrationsdrehscheibe gebildet hat, wo es doch schon, wie erwähnt, viele Vereine gibt, die sich im Bereich Integration engagieren?

Lasnig: Es ist wunderbar abgedeckt – ich glaube nur, dass es notwendig ist, sich noch stärker miteinander zu vernetzen, und dass man sich fragt: Was kann ich am Besten für die Zielgruppe anbieten, wie das Optimalste herausholen? Es gibt Doppelgleisigkeiten, und es werden hauptsächlich die Ballungsräume Klagenfurt/Celovec und Villach/Beljak abgedeckt, es gibt aber in den Randbezirken auch noch Bedarf. Also: Regionale Abdeckung, Vermeidung von Doppelgleisigkeiten und ein breites Angebot auf die Beine stellen!
Wir wollen uns auch visionär fragen: Wo wollen wir hin, was ist unser Ziel in drei Jahren? Wo können wir hinwachsen?

Lässt sich das in groben Zügen festmachen? Wo glauben Sie, ist primärer Handlungsbedarf?

Lasnig: Primär ist die Abstimmung untereinander. Es ist eine sehr neue Konstellation, es gibt eine intensive Zusammenarbeit und es geht darum, dass wir uns einmal aufeinander einspielen, auch auf organisatorischer Ebene - und dass wir sehen, wo wir noch etwas brauchen, wo wir uns voneinander abgrenzen sollten und wo verbinden.

Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, anstatt mit der sogenannten Zielgruppe?

Lasnig: Aus diesem Grund ist es auch unser Anliegen, Vereine an Bord zu bekommen, in denen MigrantInnen tätig sind, Vereine jedweder Art. Die Zielgruppe soll in die Plattform miteingebunden werden, und ihre Anliegen auch anbringen können.

Die wahren ExpertInnen sitzen also in der „Zielgruppe“?

Lasnig: Genau.

Rechnen sie damit, Hürden überwinden zu müssen?

Lasnig: Auf jeden Fall. Das haben wir auch bei den Workshop-Einladungen gemerkt: Wir haben MigrantInnen-Vereine eingeladen, und auch da war zu sehen, dass die Hürde, sich einer großen Einrichtung zu stellen - ohne zu wissen, was diese will - hoch ist. 
Wir hoffen nun darauf, dass wir über die Integrationsvereine, die ja gute Kontakte zu MigrantInnen pflegen, die Menschen erreichen können, die wir in der Drehscheibe brauchen.

Während wir uns unterhalten, findet in Wien, im Innenministerium, ein Asylgipfel statt, wo es in erster Linie um die Aufteilung von Flüchtligen auf die Bundesländer geht. Von den neun Bundesländern erfüllen nur zwei (Niederösterreich und Wien) ihr Quote, Kärnten bildet dabei mit Salzburg das Schlusslicht in diesem Negativ-Ranking. 
Meiner Information nach geht es dabei insgesamt um ca. 1.000 Menschen. Warum, glauben sie, ist das so ein Problem?

Lasnig: Hier geht es um Politik.

Wenn man sich hingegen an die Flüchtlingswellen im Zuge der Jugoslawienkriege erinnert – da war ein Vielfaches an Flüchtlingen, auch in Kärnten, vergleichsweise kein Problem.
Die Not der Menschen heute hat sich ja nicht geändert, nur ihre geographische Herkunft. Warum also dieser Unterschied?

Lasnig: Ich glaube, dass manche Leute es nicht wahrhaben wollen, dass Menschen bei uns unterkommen sollen, das sie unsere Unterstützung brauchen und das wir dazu verpflichtet sind!

Wie verstehen sie den Begriff Wirtschaftsflüchtling, der ja bei uns einigernmaßen diskreditiert ist?

Lasnig: Ich denke, dass in unserer Gesellschaft keine Differenzierung stattfindet, man denkt: Flüchtling ist Flüchtling! Es gibt kein Bewusstsein, welche Arten von Flüchtlingen es gibt. Da fehlt noch eine Sensibilisierung. Es gilt aufzuzeigen, durch welche Gründe es zu Flucht kommen kann. Und dass das jedem von uns passieren kann.

Will die Integrationsdrehscheibe auch in dieser Hinsicht Bewusstseinsarbeit leisten?

Lasnig: Ja, für die ansässige Bevölkerung, vor allem aber auch für die öffentlichen Einrichtungen, wo Diskriminierung passiert, wo durch fehlendes Wissen Menschen in die Ecke gedrängt werden. Die Drehscheibe plant Workshops bei öffentlichen Institutionen, um zu sensibilisieren, um die Lebenswege der Flüchtlinge zu verdeutlichen, damit klar wird, warum diese Menschen eine andere Betreuung benötigen, als die Kärntner Bevölkerung.

Die von Ihnen angesprochene „Zielgruppe“ ist ja divers, heterogen. Wie kann Begegnung ohne Verallgemeinerung geschehen, wie kann man auf die unterschiedlichen Hintergründe eingehen, ohne dass die Meschen das Gefühl haben, eine über den Kamm geschorene „Zielgruppe“ zu sein?

Lasnig: Mit Offenheit, mit Respekt und mit dem Wissen um die Kultur der betroffenen Person. Es geht darum, das Gefühl zu geben: Wir sind alle gleich, du bist hier willkommen, wir unterstützen dich, wenn du etwas brauchst. Es ist aber auch notwendig, die Menschen zu unterstützen, selbstständig ihrer Wege zu gehen, damit sie sich im System des Österreichischen Staates zurecht finden. Wir sollen nicht die komplette Verantwortung für die Personen übernehmen.

Kärnten genießt ja den Ruf ein Bundesland zu sein, in dem Integration schlecht funktioniert. Wo klappt sie denn gut?

Lasnig: In den Vereinen, da funktioniert Integration tagtäglich! Bei den interkulturellen Treffen, wo die Österreichische Mehrheitsbevölkerung auf Personen mit Migrationshintergrund trifft, kann man den Austausch beobachten, dort klappt Integration hervorragend! Es ist sehr wohl ein Aufeinander-Zugehen da, und das sollte man sich anschauen; da sollte man hervorheben, was es schon gibt, und dass sich die Menschen nicht in ihren Kommunen verschotten, wie oft behauptet wird.

Gab es für sie im Zuge der Arbeit an der Integrationsdrehscheibe neue Erkenntnisse?

Lasnig: Für mich war es überraschend, die Vielfalt an Angebot zu sehen! Man weiß es nicht, wenn man sich mit diesem Thema nicht beschäftigt, auch mir war das nicht bewusst. Die Vielzahl an unterstützenden, Interkulturalität fördernden Initiativen zu erkennen, war schon sehr überraschend. 
„Kärnten ist anders“ – in jedem Bundesland wird man aufgezogen, wenn man aus Kärnten kommt, und dann arbeitet man noch im Integrationsbereich! Ich denke, dass die Integrationsdrehscheibe auch für andere Bundesländer ein erstklassiger Anstoß sein kann, indem man die Integrationsarbeit stärker in den Vordergrund rückt.

Ist Integration in ihren Augen eine Bringschuld der „Fremden“ oder geht es da mehr um eine Integrationsbereitschaft der „Einheimischen“?

Lasnig: Es liegt auf beiden Seiten. Wenn die ansässige Bevölkerung sich abschottet, wird Integration nicht möglich sein. Genauso, wenn die zuwandernden Personen sich nicht öffnen. Es ist von beiden Seiten notwendig, aufeinander zuzugehen. Ich möchte niemanden mit Gewalt in ein fremdes System hineindrücken, aber man muss sich ein Stück weit an die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die bei uns herrschen, anpassen - um überhaupt ein „normales“ Leben führen zu können, am Arbeitsmarkt, im Familienleben, im Freundschaftskreis. Genauso muss die ansässige Bevölkerung die Türen öffnen, und sagen: Ja, ihr seid bei uns, ihr lebt bei uns, es ist in Ordnung – wir leben zusammen! Wenn das nicht, passiert, ist Integration in meinen Augen unmöglich.

Wodurch zeichnet sich das bfi in diesem Kontext als Kooperationspartner aus?

Lasnig: Wir sind ein stabiler Partner, sind sehr gut vernetzt, arbeiten beispielsweise mit der KGKK, dem AMS, der Landesregierung sehr gut zusammen und haben ein enormes Erfahrungspotential im Weiterbildungsbereich.

Mit dem bfi bilden neun, teils sehr unterschiedliche Organisationen die Integrationsdrehscheibe. Was sind dabei die organisatorischen Herausforderungen? 

Lasnig: Es geht in erster Linie darum, alle auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, aber auch um die Vermittlung zwischen Fördergeber- und FördernehmerInnen. Und dabei den Informationsfluss untereinander am Laufen zu halten, sich aufeinander abzustimmen - das ist sehr aufwendig, aber unbedingt nötig. Dieses An-Einem-Strang-Ziehen und gemeinsam aufzutreten, darin liegt derzeit die größte Herausforderung. 
Wir sind noch in den Kinderschuhen!

Zur Person: Im Zuge ihres Studiums der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Feldkirchen in Kärnten, hat Mag.a Elisabeth Lasnig ein halbes Jahr in einem SOS-Kinderdorf in Tansania gearbeitet, und dabei einen intensiven Bezug zu den Themen Migration-Integration entwickelt. 
Beim bfi Klagenfurt betreut sie das Projekt „Arbeitsmarktpolitische Integration von Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten“ (AP.I.A.). Dieses wird vom Europäischen Flüchtlingsfonds, dem Bundesministerium für Inneres und dem Land Kärnten gefördert, und soll dabei unterstützen, erste Schritte im Österreichischen Arbeitsmarkt und Alltag erfolgreich zu bewältigen.

è http://www.bfi-kaernten.or.at/
Kurzfassung: Aus dem Projekt „Arbeitsmarktpolitische Integration von Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten“ (AP.I.A.) des Berufföderungsinstitutes (bfi) hat sich die Integrationsdrehscheibe Kärnten/Koroška entwickelt, an der, neben dem bfi, acht weitere Organisationen aus dem Integrationsbereich mitwirken. Dabei kann das bfi den NGO’s die Möglichkeit zu bieten, Kontakte auf höherer Ebene zu knüpfen, größere Projekte zu verwirklichen und diese auch vorzufinanzieren. Ein wichtiges Ziel der Integrationsdrehscheibe ist es, sich untereinander zu vernetzen, Doppelgleisigkeiten zu vermeiden und ein optimales, kärntenweites Angebot für MigrantInnen auf die Beine zu stellen. Im Zuge dessen sollen speziell Vereine von MigrantInnen eingeladen werden, sich an der Drehscheibe zu beteiligen, da diese die wahren ExpertInnen ihrer Anliegen sind.

Desweiteren setzt sich die Integrationsdrehscheibe zum Ziel, Bewusstseinsbildung bei der „einheimischen“ Bevölkerung zu fördern. Noch dringlicher ist es, öffentliche Einrichtungen dahingehend zu unterstützen, sich in Bezug auf MigrantInnen zu sensibiliseren, und mögliche Diskriminierung zu verhindern. Ein weiteres Anliegen ist es, zuwandernde Personen dabei zu unterstützen, sich im Österreichischen Bürokratie- und Verwaltungsapparat zurecht zu finden, und sich selbständig um ihre Anliegen zu kümmern.
Integration verlangt in den Augen von Elisabeth Lasnig sowohl ein Öffnung der ansässigen, als auch der zuziehenden Menschen. Bei den unterschiedlichen (migrantischen und integrativen) Vereinen klappen Interkulturalität und Integration schon sehr gut, so Lasnig, nur müssen diese Aktivitäten noch verstärkt ans öffentliche Licht gebracht werden. Auch das ist ein Ziel der noch jungen Integrationsdrehscheibe Kärnten/Koroška.